15 Minuten Lesezeit Dominik van Awe

Denkst du von dir selbst kein Selbstbewusstsein zu besitzen oder hältst dich vielleicht für schüchtern? Dann kann es sein, dass du einer von fünf Menschen bist, die als hochsensibel gelten.

Leider klingt in unserer Gesellschaft dieser Begriff, wie ein Schimpfwort. Besonders für Männer.

In diesem Artikel erfährst du, wie du mit dir selbst besser umgehst und vor allem dadurch dein Selbstbewusstsein aufbaust.

Lass uns zum besseren Verständnis diese Struktur verwenden:

1. Was ist Selbstbewusstsein?

Selbstbewusstsein ist im Prinzip dein Wesen. Du bist selbstbewusst oder auch nicht, bzw. Du bist dir deines Selbst bewusst oder nicht.

Da du aber bisher überlebt hast, weil du auf Bedürfnisse deines Körpers reagiert hast, und geschlafen, gegessen und deine Krankheiten behandelt hast, gehe ich davon aus, dass du selbstbewusst bist.

Deshalb kannst du auch nicht sagen, dass du kein Selbstbewusstsein hättest. Das sind für einige schon einmal gute Neuigkeiten. Denn gerade am niedrigen Selbstbewusstsein machen viele Menschen ihren Selbstwert fest.

Das bedeutet, sie fühlen sich in Gegenwart von Fremden oder in unbekannten Situationen nicht, wie sie selbst, oder sie sind überfordert oder wollen schlagfertiger sein und fühlen sich dadurch schlapp. So als hätten sie nur wenig Energie oder als müssten sie ewig über etwas nachdenken und können sich nicht entscheiden.

Sie fühlen sich weniger wert, als die anderen um sie herum, die irgendwie mehr Energie zu haben scheinen.

Und genau hier ist nochmal die gute Nachricht. Du bist in dieser Situation super selbstbewusst. Du bist dir über deine Gefühle und deine aktuelle Lage bewusst, das Problem ist nur deine Interpretation dieser Dinge.
Du interpretierst selbstwert-schädigend, weil du dich selbst verloren hast.

Dich selbst verlieren…

Es ist Sommer 2013. Ich bin in meiner ersten Woche als Barkeeper in einem neuen Club und versuche mich noch mit den Aufgaben vertraut zu machen. Nach und nach kommen die Kollegen für den heutigen Abend. Wir sprechen und scherzen miteinander – und wie es in der Gastro-Szene so üblich ist – man zieht sich gegenseitig mit Sprüchen auf.

Nun, ich werde allein mit Sprüchen aufgezogen, denn ich besitze in diesem Moment keinerlei schlagfertige Antworten oder irgendeine Art Wortwitz, um meinem Gegenüber gleichzutun.
Das wundert mich sehr, da ich eigentlich für meine Eloquenz und spitzen Beobachtungen bekannt bin.

Ich merke, wie mein Gegenüber die Lust verliert, sich mit mir zu beschäftigen und den Anschein macht, sich bald von mir zu verabschieden

Eine fatale Bemerkung, denn dadurch gerate ich in Stress. Tausende Gedanken schießen mir durch den Kopf. Alle begleitet durch den Tenor „Sag was! Sonst bist du uncool!“. Mein Gehirn spürt soziale Isolation und die Verknappung der Aufmerksamkeit meines Kollegen und schießt Adrenalin durch meinen Körper, mit der Hoffnung, dass mir dadurch etwas gescheites einfällt. Fehlanzeige.

Ich fühle mich hinter schlecht und denke mir, dass mich meine Kollegen alle für „seltsam“ halten müssen, weil ich nicht die gleichen Witze reiße, wie sie.

Was ist hier passiert?

Ich habe versucht mich anzupassen an den Humor und die Gespräche meiner Kollegen. In Wahrheit aber fand ich ihren Humor furchtbar primitiv und ihre Gespräche belanglos.

Statt aber auf mich selbst zu hören und diesem intuitiven Empfinden nachzugeben (mit der Konsequenz keine oberflächlichen Gespräche führen müssen und ganz entspannt weiter zu arbeiten), habe ich mich selbst verloren in der Hoffnung schnell neue Freunde zu gewinnen, in dem ich so tat, als wäre ich aus dem selben Holz wie sie.

Mit dem Resultat, dass das Gespräch für beiden Seiten unbefriedigend war.

2. Wie steigere ich mein Selbstbewusstsein?

Diese Frage ist falsch. Es müsste lauten, „wie lerne ich es, nach meinem Gefühl zu handeln, ohne mir die Meinung anderer zu sehr zu Herzen zu nehmen?“

Als Trainer für Selbstbewusstsein treffe ich sowohl beruflich, als auch privat täglich Menschen, die von sich behaupten ein Problem mit ihrem Selbstbewusstsein zu haben. Dabei fällt mir auf, dass dieses Problem mit dem eigenen Selbstbewusstsein immer einen Ursprung im Außen hat.

Die eine fühlt sich zu dick, der andere, wie ein Versager. Wieder jemand anderes ist geplagt von dem Gefühl der generellen Wertlosigkeit. So als habe er/sie kein Glück oder Zufriedenheit verdient.

Alle diese Personen haben gemein, dass sie ihr Selbstbewusstsein davon abhängig machen, was ihre Umwelt von ihnen denkt.

Die Frau, die sich zu dick fühlt, vergleicht sich mit dem Frauenbild aus den Medien und kann diesem nicht standhalten. Ihr „Selbstbewusstsein“ sinkt, weil sie die Dicke ist, die sich scheinbar bei Schokolade nicht beherrschen und sich nicht zum Pilates aufraffen kann.

Der Mann, der mit 35 immer noch nicht im Chefsessel sitzt und/oder eine Familie gegründet oder ein Haus gebaut hat, glaubt, dass sein Zug abgefahren ist. Sein „Selbstbewusstsein“ sinkt, weil es immer noch nicht geschafft hat eine Frau länger von sich zu begeistern oder den beruflichen Erfolgscode zu knacken.

Das nennt man auch Gedankenlesen

Diese Personen können scheinbar die Gedanken der Menschen um sie herum lesen und lassen sich von diesen so sehr beeinflussen, dass sie diese Gedanken der anderen für „richtiger“ halten, als ihre eigenen.

Und ab hier befassen wir uns deshalb mit dem Kernthema:

3. Was ist Hochsensibilität?

Hochsensible haben den Anspruch die Welt gerechter, menschlicher, liebevoller zu machen. Laut der Wissenschaft gehören 15 – 20 % aller Menschen zu diesem Kreis der „Dünnhäutigen“.

Denn während eine hohe Sensibilität ein Segen für die Betroffenen und die Menschheit generell sein kann, so wird sie von den meisten Betroffenen eher als Fluch empfunden.

Dieser Artikel ist Teil der Blog-Parade von dubistgenug.de Hier findest du ähnliche Artikel zum Thema Selbstwert und Selbstbewusstsein:

Ein Hochsensibler nimmt seine Umgebung viel genauer und stärker wahr als andere. Er weiß, wenn sich sein Partner über etwas ärgert, noch lange bevor dieser es selbst bemerkt. Von lauten Geräuschen und Menschenansammlungen hält er sich lieber fern, da diese ihm körperlichen Stress bereiten, dafür ist er sehr feinfühlig, wenn es um seine Mitmenschen geht und besitzt einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn.

Diese Menschen haben meist in ihrer Entwicklung gelernt ihre sensible Seite zu verleugnen und sich an das schnelle und laute westliche Leben und vor allem an ihre Mitmenschen anzupassen.

„Sei doch nicht so empfindlich!“

Ein Satz, den Hochsensible nur zu gut kennen. Einmal weil sie ihn von außen oft gehört haben, aber auch, weil sie ihn sich selbst, wie ein Mantra vorbeten.

Denn als Mensch mit erhöhter Empfindung, greift ein solcher Satz das eigene Wesen (also das Sein) so an, als würde er für seine Hautfarbe, Größe oder sein Geschlecht verurteilt werden.

An dieser Stelle beginnt für sie ein innerer Kampf gegen die eigene Wahrnehmung und damit sich selbst.

Der innere Kampf

In der ersten Stufe dieses Kampfes lernen die Betroffenen, dass es nicht in Ordnung ist, so tief und fein zu fühlen. Sie schließen daraus, dass ihre Art andere und sich selbst so immens wahrzunehmen schlecht sei und von der Außenwelt (besonders von Bezugspersonen, wie Eltern und Freunden), als störend empfunden und mit Ablehnung bestraft wird.

Dabei ist gerade für Hochsensible eine positive Bestärkung so wichtig, wie die Luft zum atmen.

Denn gerade durch die erhöhte Wahrnehmung aller Emotionen, auch der negativen, ist es für diese Personen wichtig eine liebevollen Heimat zu haben.

Denn Hochsensible nehmen die Gefühle anderer wahr, wie ihre eigenen. Zudem liegt es in der Natur des Menschen negative Emotionen stärker wahrzunehmen als positive. Der Hochsensible hat deshalb täglich mit Negativität zu kämpfen und wird dann noch für das Empfinden dieser bestraft mit Ablehnung.

Deshalb versucht er sich anzupassen und so zu sein, wie man ihn haben will oder wie er besser ankommt. Er verleugnet seine Wahrnehmung.

Hier beginnt die zweite Stufe des Kampfes. Der Hochsensible hat gelernt sich anzupassen an die Weltsicht und die Meinung anderer, während er verlernt hat, für sich selbst einzustehen. Allerdings verschafft ihm das oberflächlich das Gefühl von Zugehörigkeit und Sicherheit.

Diese vermeintliche Sicherheit versucht er immer wieder zu bestärken, indem er Informationen einholt. Das kann z.B. auf der Arbeit sein, wenn er bei den leichtesten Aufgaben unsicher und langsam agiert oder fragt, wie die simpelsten Handgriffe getan werden.

Das jedoch führt dazu, dass seine Mitmenschen ihn für unfähig und dumm halten.

Und damit haben wir die dritte Stufe des Kampfes erreicht. Das Wahrnehmen aus der Perspektive der anderen.

Immer mehr haben sie sich daran gewöhnt sich an anderen zu orientieren und immer mehr haben sie sich dadurch selbst aufgegeben. Der Hochsensible besitzt hier keinen eigenen Standpunkt mehr. Sollte er doch mal einen guten Tag haben und eine eigenen Meinung zu einer Sache besitzen und diese durchsetzen wollen, wird er von seinem Mitmenschen eher als Trottel angesehen, der wieder einmal zickig oder gereizt ist.

Leider nehmen die Hochsensiblen diese Wahrnehmung der anderen für sich auf und halten sich dann tatsächlich selbst für einen gereizten Trottel, der es immer noch nicht schafft, in der freien Welt klar zu kommen.

„Du bist ein Weichei!“ – Entweder männlich oder sensibel

Gerade für Männer ist die Fähigkeit Dinge genau zu erspüren eine Last. Denn Emotionen werden mit dem Weiblichen verbunden, während sich hochsensible Männer an dieser Stelle nicht männlich fühlen.

Dabei ist gerade eine emotionale Intelligenz in der heutigen Zeit wichtiger denn je. Während in den 1920ern noch reines Handwerksgeschick zählte und Härte belohnt wurde, befinden wir uns heute glücklicher Weise in einer Zeit, die immer mehr vom menschlichen Miteinander genährt wird.

Mitarbeiter- und Mitmenschenführung muss heutzutage emotional sein.

Ein großes Plus für jeden Hochsensiblen. Denn wie positiv wirkt es sich wohl auf eine Firma aus, wenn der Chef die Bedürfnisse seine Belegschaft kennt und bedient?

Wie vorteilhaft wird es für einen Verkäufer sein, der seinen Kunden erspürt und ihn mit dem geeigneten Produkt wirklich glücklicher machen kann?

Genau hier setzt mein Konzept von Emotional Leadership und die dazugehörige Emotional Leadership University an.

4. Als hochsensibler mehr Selbstbewusstsein aufbauen

Jetzt könnte man meinen, dass ich als Hochsensibler ja einfach nur mehr Achtsamkeit kultivieren müsste, damit ich besser auf mich hören lerne.

Das ist aber ein Denkfehler. Denn wenn jemand mit erhöhter Empfindungsbegabung von nun an eine Zeit in sich geht und alles in seinem Leben tief erspürt, wird er zu folgenden Schlüssen kommen:

  • „Mein Partner nimmt eigentlich gar keine Rücksicht auf mich und ich fühle nicht, dass wir dauerhaft glücklich werden.“
  • „Mein Job bietet mir einfach keine Erfüllung.“
  • „Ich bleibe für mich, weil die Welt zu stressig ist und die Menschen zu oberflächlich.“

Viele Hochsensiblen tauschen dann ihr Leben gegen Einsamkeit und Armut, während sie sich die neuen Umstände schön reden und nicht bemerken, wie sich dadurch ihre Lage und tatsächliche Dünnhäutigkeit negativ auf sie auswirkt.

Es fehlt ihnen in dieser Lage an der oben schon angesprochen positiven Bestärkung von Menschen, die sie lieben, sowie Herausforderungen, die der Geist benötigt, um zu wachsen, bzw. nicht abzubauen.

Mehr Selbstbewusstsein durch Grenzen

Ich habe in meinem Job als Barkeeper bei den primitiven Gesprächen mit meinen Kollegen für mich einen Entschluss gefasst: Klappe halten, arbeiten.

Es hat mir zu viel mentalen Stress gemacht, schlagfertig sein oder bei ihnen gut ankommen zu wollen. Daher habe ich mich dazu entschieden auf meine Intuition zu hören und nur mit ihnen länger zu sprechen, wenn ich gespürt habe, dass alles, was gleich folgt, eine gewisse Tiefe oder einen hohen Informationsgehalt für mich besitzt.

Auf einmal war Schluss mit primitivem Humor, Small-Talk und vor allen Dingen dem Gefühl nicht in die Umgebung zu passen und falsch zu sein.

Stattdessen fühlte ich mich stark. Denn von nun an war es meine eigene Entscheidung, ob und mit wem ich länger quatschen wollte.

Ich habe meine eigene Grenze gebaut und beachtet.

Grenzen sind super! Auf dem eigenen Grundstück fühlst du dich sicher wohler, als auf einem fremden, oder?

Genauso musst du dir deinen Geist vorstellen.

Wenn du dich anpassen willst und dich selbst verleugnest, ist es so, als würdest du auf einem fremden Grundstück eine Grillparty veranstalten. Oder zu einer Techno-Party gehen, obwohl du auf Rock-Musik stehst.

Beachte deine Grenzen und bewege dich in ihnen.

Wenn dich also jemand zu einer mentalen Techno-Party einlädt, überprüfst du die Party darauf, ob du dich auf ihr wohlfühlen und du selbst sein kannst.

Wenn dem nicht so ist, bleibst du auf deinem Grundstück und machst deine eigene Party.

Denn gerade das Abgrenzen von anderen wird dazu führen, dass du (dich) selbst bewusster (wahrnimmst) wirst.

Du stehst für dich ein. Andere Menschen werden das an dir anerkennen.

Und wenn das gegeben ist, wirst du den Segen der Hochsensibilität für dich nutzen können und zum Emotional Leader werden.

Genau das, was die Welt in dieser Zeit dringend braucht.




3 Kommentare

  1. Ein Hammer Artikel Dominik! Freue mich immer deine ausformulierten Gedanken zu lesen. Höchste Qualität!
    LG X Andy

  2. Danke für diesen Artikel, Dominik.

    Selbst eher sensibler und früher schüchterner Mann, habe ich mich in vielen wiedererkannt. Grenzen ziehen ist immer wieder ein wichtiges Thema für hochsensible Menschen (Männer).

    Für mich war der Weg zu mehr Selbstbewusstsein als sensibler Mann (und damit auch zu mehr Erfolg bei Frauen), dass ich erstmal meine Sensibilität bedingungslos angenommen habe, und zum zweiten, mich bewusst in den Kreis von Männer begeben habe. Dort konnte ich meinen eher verkümmerten, männlichen Pol aufladen, ja regelrecht nachnähren. So wurde ich ein Mann mit Rückgrat und Herz, und damit veränderte sich auch meine Ausstrahlung: präsenter, zielgerichteter, klarer, gefestigter. Nun traute ich mich endlich Frauen auf der Straße anzusprechen, sie nach ihrer Nummer zu fragen und sie letztlich bei einem Date zu führen und verführen. Ein hammergeiles Gefühl, kann ich dir sagen – das erste Mal seit Jahren fühlte ich mich komplett wohl in meiner Haut als Mann. Erfolg bei Frauen ist eben doch ein wichtiger Faktor für uns Männer!

    Und dabei haben mir keine schnellen Flirttricks geholfen, sondern nur eine komplett geänderte innere Einstellung, aus der eine neue Ausstrahlung resultierte, ein neues Fundament als Mann, das mich seither trägt – nicht nur beim Flirten!

    LG Oliver

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